384 Seiten.
Paperback
€ 19,80 (D). SFr 35,90.
ISBN 978-3-89950-369-2.
Textauszug
Alfred Rosenberg war hochrot im Gesicht. Durch die Kontrollposten hatte er soeben erfahren,
daß Schultze die Wolfsschanze während seiner Abwesenheit verlassen hatte. Als amtierender
Chef hätte der Gruppenführer das nicht tun dürfen. Und vom Original dieser verfluchten Auftragsbestätigung noch immer keine Spur. Wie uninteressant sie auch sein mochte, Frank
hätte sie weiterbefördern müssen. Und wo blieb eigentlich diese verdammte Ordonnanz Meyer?
Mitten im Grübeln fragte sich Rosenberg plötzlich, weshalb man zwei Koffer in sein Zimmer gestellt hatte. Es war spät am Abend dieses zweiten November, dem Tag nach seiner Rückkehr ins Hauptquartier, und der Reichsminister war nicht nur wütend und müde, er hatte die Nase gestrichen voll! Und Schultze ließ ewig nichts von sich hören. Geistesabwesend öffnete er einen der Koffer …
Rosenberg starrte auf den Inhalt, als wäre dies sein Untergang. Die Überreste von Fritz Meyer
waren in dickes Wachstuch gehüllt. Alles schwamm in einem zähflüssigen Brei aus Blut und Eingeweiden.
Der Reichsminister griff sich an die Stirn. Er war einer Ohnmacht nahe. Plötzlich begriff er, was
hier gespielt wurde. Er war auf dem besten Wege, alles zu verlieren! Rosenberg begann, am
ganzen Leib zu zittern. Was zum Teufel sollte er tun? Der Führer selbst suchte emsig nach der Gemäldesammlung, so daß er nicht ungehindert handeln konnte. Alle, die er in die Jagd einbezog, mußten schweigen können. Anderenfalls war er gezwungen, Schultze und Lorenz die Schuld zuzuschieben, die dann gefälligst mausetot zu sein hatten! Aber in diesem Fall würde er auch die Sammlung zurückgeben müssen, wenn sie denn jemals wieder auftauchen sollte.
Rosenberg war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Schließlich riß er sich zusammen und schrie seine Befehle heraus. Die wichtigste Aufgabe bestand jetzt darin, Schultze und Lorenz ins Jenseits zu befördern. Sein Freund Eichmann sollte ihr Henker werden, und die Hinrichtung sollte in Zeitlupe vonstatten gehen!
Mit zischender Stimme gab der Reichsminister seine Anweisungen.
– Ein Fieseler Storch steht zum Abflug bereit! Jeder Mann, den Sie da unten finden können, ist zur Verfolgung einzusetzen! Nach Auschwitz sind beide zu schaffen! Sind Sie dazu nicht fähig, dann … Ich muß wohl nicht deutlicher werden!
Vor Rosenbergs Lippen stand weißer Schaum, und er spuckte beim Sprechen. Zwei SS-Offiziere nahmen seine Befehle entgegen, der eine von der Luftwaffe, der andere aus dem eigenen Einsatzstab des Reichsministers.
Rosenberg fauchte weiter:
– Schaffen Sie mir außerdem sämtliche Verwandten von Obersturmbannführer Lorenz und Gruppenführer Schultze her. Lorenz hat eine Verlobte in Berlin, die Ursula Soundso heißt … Jeder einzelne hat sich hier einzufinden!
Rosenberg betonte jede einzelne Silbe. Dann machte er eine kurze Pause, um Luft für den letzten Befehl zu holen:
– Bringen Sie endlich diesen verdammten Matsch hier weg, bevor der ganze Kerl aus dem Koffer fließt! Und zwar ohne Aufsehen zu erregen! Verschonen Sie mich mit neuen Problemen. Heil Hitler!
Der Reichsminister sank hinter seinem Schreibtisch zusammen. Er war völlig am Ende. Verfluchte Verräter! Vielleicht waren sie überhaupt nicht zum Schloß gefahren? Rosenberg begann, eine Mitteilung an Adolf Eichmann zu codieren.
X
Schultze hatte 15 Soldaten ins Jenseits befördert, und Lorenz war speiübel. Nach dem ununterbrochenen Rauchen war sein Mund wie ausgedörrt. Müde und angewidert goß er sich
ein Glas Wasser ein und leerte es in einem Zug. Es dämmerte bereits, und im Schloßpark
warteten nun nur noch zwei Mann darauf, hereingerufen zu werden.
– Heinz Schmidt!
– Ja, Herr Obersturmbannführer!
Heinz Schmidt war ein Mann mit wohlgeformtem Körper und goldblondem, wellig gekämmtem Haar. Seine Haut war glatt und von der kühlen Morgenluft leicht gerötet. Seinen Helm hielt er fest an die Hüfte gepreßt.
Lorenz wies ihm den Weg zum zweiten Stock, wo Schultze bereits im Flur stand. Dem Gruppenführer schwoll sein Glied, als er den blonden Jüngling auf sich zukommen sah. Um
nicht noch mehr von dem ganzen Elend sehen zu müssen, machte Lorenz eine Kehrtwendung
und lief die Treppen zu Thorsten Müller hinunter, der nur noch allein auf dem verlassenen
Schloßhof wartete.
Müllers Augen leuchteten wach und zufrieden; in seinem wohlgenährten, von kräftigen Adern durchzogenen Gesicht glänzten sie wie kleine Kohlenstücke. Sein lockiges, schwarzes Haar war ungewaschen und quoll in dicken Strähnen unter dem Helm hervor, den er noch nicht einmal abgenommen hatte.
Lorenz befahl »Stillgestanden!« und schoß ihm dreimal hintereinander in die Brust.
In diesem Moment drang tierisches Geschrei aus dem Gebäude. Lorenz begriff sofort, daß Schultze seine Perversitäten nicht länger im Zaum halten konnte, aber was machte das noch aus. Es war höchste Zeit, das Schloß in die Luft zu jagen, und damit würde auch Schultze sein Fett abbekommen. Lorenz hob Müller wie ein Feuerwehrmann auf seinen Rücken und trug ihn in das Schloß. Dort nahm er dem untersetzten Soldaten die Erkennungsmarke ab und ersetzte sie durch seine eigene. Dann hastete er hinaus zum Wagen, der am Hofende geparkt stand.
Gerade wollte Lorenz die Tür aufreißen, als ihm einfiel, daß sie ja verschlossen war. Verschlossen auf eigenen Befehl! Ersatzschlüssel besaß er nicht. Die Bilder befanden sich noch immer auf dem Rücksitz. Auf dem Vordersitz lag das Mausergewehr, das er für die Sprengung noch benötigte.
Lorenz verfluchte seine Vergeßlichkeit. Der Mercedes war der einzige startklare Wagen, der zur Verfügung stand. Außerdem hatte er ihn für seinen Plan entsprechend präpariert. Nun mußte er Schultze doch noch einmal Auge in Auge gegenübertreten. Lorenz stürzte zurück ins Schloß.
Schultze hatte gerade noch die Tür hinter Heinz Schmidt schließen können, als drei scharfe Schüsse fielen. Schmidt reagierte sofort. Bevor der dritte Schuß krachte, war er zum Fenster geeilt, um zu sehen, was unten vorging. Aber sein Verdacht kam zu spät. Noch ehe er sich besann, hatte Schultze auf seinen Penis gefeuert.
Heinz Schmidt schrie wie am Spieß, als die Geschlechtsteile in der Uniform explodierten. Er warf sich auf den Boden und wühlte mit seinen Händen krampfhaft im zerfetzten Fleisch.
– Du schwules Schwein! Du …
Dann verlor er das Bewußtsein.
Als Lorenz die Zimmertür aufriß, kniete Schultze über Schmidt. Er befand sich in Extase …!
Lorenz stand wie gelähmt. Was für ein Anblick! Nie zuvor hatte er etwas so Scheußliches gesehen. Das hier sprengte alle Grenzen. Er rang nach Atem.
Schultze wandte ihm halb den Rücken zu, und Lorenz zielte mühsam mit der P38. Er drückte viermal ab, bevor er erschöpft gegen den Türpfosten sank und sich erbrach.
Die Kugeln verfehlten ihr Ziel nicht. Schultzes Lungen waren getroffen, und sein wirrer, panischer Blick fand nirgendwo Halt, so als begreife er nichts. Endlich sah er Lorenz und verstand, aber sein beabsichtigter Angriff ging in heiserem Gekrächze unter. Er spuckte und hustete, um den heftigen Blutsturz aufzuhalten, der jedoch kaum mehr zu stoppen war. Das Blut stand ihm wie leuchtendroter Schaum vor dem Mund. In wilder Verzweiflung streckte er sich nach der Automatik-Pistole mit dem Schalldämpfer, die nur einen Meter von ihm entfernt auf dem Boden lag.
Doch Schultze blieb nicht viel Zeit. Er war seinem Schöpfer nicht mehr fern. Geschlagen kroch er auf allen Vieren umher und tastete in sinnloser Anstrengung nach der Waffe. Die kristallblauen Augen verloren ihren Glanz, und Schultze versuchte vergeblich, ein letztes Mal Luft zu holen.
Lorenz hatte nur noch einen Schuß im Magazin, als er auf Heinz Schmidt zuging und die Pistolenmündung an seine Schläfe hielt. Der Schuß hallte schrill wider, war aber zweifellos eine Befreiung.
Lorenz schloß kurz die Augen. Er verachtete die Rolle, die er hier spielte, aber das große Ziel rechtfertigte sein Handeln. Er schob ein neues Magazin in die Waffe. Nun mußte er nur noch die Schlüssel für den Mercedes finden.
Es war unschwer festzustellen, daß Schultze sie nicht an sich genommen hatte. Möglicherweise war Glück, oder einer der Männer, die den Wagen bewacht hatten, im Besitz der Schlüssel. Lorenz wollte seine Suche zunächst bei dem Feldwebel fortsetzen, dem er die Aufsicht über das Fahrzeug anvertraut hatte. Lagen sie vielleicht in dessen Schreibtisch? Lorenz stürzte die Treppe hinunter und stieß die Tür zu Glücks Arbeitszimmer auf. Erneut bot sich ihm das grauenhafte Bild der Hinrichtung des Feldwebels, als er der totalen Verwüstung im Zimmer gegenüberstand. Es fiel ihm nicht schwer, sich vorzustellen, wie es in den anderen Räumen aussah, wo sich Schultze an den Soldaten allein hatte gütlich tun können. Lorenz hastete zum Schreibtisch und kippte den Inhalt der Schubladen auf den Boden. Nichts! Es ist sowieso alles sinnlos, dachte er, ging aber doch zu Glück vor und kniete nieder, um den toten Feldwebel zu durchsuchen. Endlich fand er, was er wollte!
Lorenz erhob sich hastig und verließ den Raum. Es dämmerte bereits, als er sich in den Mercedes fallen ließ und den Zündschlüssel betätigte. Er legte den ersten Gang ein, und das Fahrzeug begann langsam die gewundene Einfahrt hinunterzurollen. Als das Schloß kaum noch zu erkennen war, hielt er an, griff nach dem Mausergewehr und stieg aus dem Wagen. Die Entfernung betrug etwa dreihundert Meter, und Lorenz war ein guter Schütze. Er ging in die Hocke und hielt das Gewehr mit festem Griff an die Schulter gepreßt, um den Rückstoß zu dämpfen. Er zielte auf einen großen Klumpen der vorbereiteten Sprengladung und zog die Waffe noch etwas höher. Dann senkte er sie langsam ab. Als die gelbgrüne Masse wieder ins Visier kam, hielt er inne und bewegte den Abzughebel bis zum Anschlag.
Lorenz drückte ab, und das Geschoß schlug mit gewaltiger Kraft in den Steinsockel ein. Die Explosion war verheerend. Die gesamte vordere Fassade fiel unmittelbar in sich zusammen, und das ohrenbetäubende Krachen der folgenden Kettenreaktionen dröhnte meilenweit. Die Brandbomben entzündeten sich gleich nach dem Detonieren der ersten Sprengladung, und die Flammen schlugen meterhoch aus dem Schloß, das schon nach wenigen Sekunden ein einziges Flammenmeer war. Dicker schwarzer Rauch verdunkelte den morgendlich dämmernden Himmel, und durch die Rauchschwaden hindurch stiegen Funken auf, die an ein Feuerwerk erinnerten. Es würde nicht lange dauern, bis der protzige Steinkoloß völlig zu Staub und Asche geworden war.
Lorenz warf sich in den Wagen und trat kräftig auf das Gaspedal. Die Operation im Schloß war geglückt, und wenn alles gutging, würde er in nur wenigen Stunden auf sicherem Boden sein. Wenn nur Sunderland dort wartete … Bei ihrem letzten Gespräch hatte er sich in Strasbourg aufgehalten.
Lorenz wußte nicht, wie weit Rosenberg unterdessen mit seinen Nachforschungen gekommen war; er konnte es nur vermuten. Wahrscheinlich kannte der Reichsminister inzwischen den Inhalt der Koffer, die der schizophrene Schultze in sein Zimmer gestellt hatte. War das der Fall, lief die Jagd schon auf vollen Touren, und sie würde erst dann enden, wenn Rosenberg erfuhr, was mit dem Schloß geschehen war – daß seine geliebten Gemälde in Flammen aufgegangen waren.
X
Auf den ersten Blick sah es gar nicht so schrecklich aus, wie es in Wirklichkeit war. Gewiß hatten die Grünflächen ihr Grün verloren, und die in langen Reihen gepflanzten Blumen waren vertrocknet. Doch die grausame Wirklichkeit lag unter der Erde, wohlverborgen für die Millionen Menschen, die in einem endlosen Strom aus den Güterwagen quollen, die in den VERNICHTUNGSLAGERN AUSCHWITZ eintrafen.
Die Wahrheit befand sich unter den vier farblosen Grünflächen; vier riesenhafte Gasbunker mit angrenzenden Krematorien. Die unablässig arbeitende Vernichtungsanlage machte Auschwitz zur Endstation seiner Besucher.
Bald würde der Herbst in den Winter übergehen. Es war Mitte November, die Luft war rauh und kalt, der Himmel hatte die Farbe von Blei. Ebenso düster wie der graue Himmel waren die Menschen, die in diesem Konzentrationslager auf polnischem Boden gefangen waren.
Der Lagerkommandant Rudolf Höss stand am nördlichen Rand der Gartenanlage, neben ihm Obersturmbannführer-SS Adolf Eichmann. Ein großer schwarzer Mercedes war auf dem Hof vorgefahren, und Reichsminister Rosenberg stieg gerade aus. Danach wurden die hinteren Türen geöffnet, und zwei SS-Wachen mit einer jungen Frau in der Mitte standen kurz darauf stramm vor Eichmann und dem Lagerkommandanten.
Am Eingang zu einem der Badehäuser war eine Wachmannschaft der SS damit beschäftigt, eine Schar splitternackter Juden zum »Duschen« zusammenzutreiben. Zugleich spielte ein Orchester, bestehend aus jungen, schönen Jüdinnen, Musik aus einer Operette, um vom Eigentlichen abzulenken. Die Frau, die gerade aus dem Auto gestiegen war, hörte die fröhliche Musik von ferne und wandte sich um. Als sie die ausgemergelten, kahlgeschorenen Menschen sah, die in unendlichen Reihen im Badehaus verschwanden, fuhr ihr der Schreck in die Glieder.
– Willkommen in Auschwitz, Fräulein Worms! Ich sehe, wie interessiert Sie das hiesige Geschehen beobachten.
Der zynische Willkommensgruß kam von Eichmann.
Ursula antwortete ihm nicht. Sie schaute ihn nicht einmal an. Was sie sah, war mehr als genug.
– Ich brauche schnellstmöglich ein Ergebnis, Eichmann!
– Aber natürlich, Herr Reichsminister.
Eichmann gab den beiden SS-Wachen ein Zeichen, Ursula mitzuführen. Er tat dies, indem er die Hundepeitsche, die er in der rechten Hand ständig bereithielt, mit lautem Knall gegen seine Stiefel schlug. Rosenberg verließ zusammen mit Eichmann den Hof, während Lagerkommandant Höss stehenblieb, um Aufsicht über das Geschehen am Badehaus zu führen.
Eichmann sah gefährlich aus. Das Gesicht war schmal und die Augen unsympathisch, sein Blick unstet.
– Herr Reichsminister, was glauben Sie, wird unser Reichsmarschall dazu sagen, wenn ihm die Sache zu Ohren kommt? Die Situation scheint mir ein wenig verworren.
– Das hier muß unter uns bleiben, Eichmann, das wissen Sie. Lorenz ist offiziell tot. Er ist doch verbrannt, so wie auch die Gemäldesammlung! Sie wissen doch, daß ich Sie belohnen werde.
Eichmann schenkte Rosenberg ein schiefes Lächeln.
– Ich verstehe, wie Sie sich die Sache gedacht haben, Herr Reichsminister. Ich wollte es nur gern von Ihnen hören.
– Welchen der Ärzte haben Sie beauftragt?
– Steinbach, antwortete Eichmann zögerlich. Wir fangen mit ihm an.
– Wer ist Steinbach? Von einem Steinbach habe ich noch nie gehört.
– Josef Steinbach heißt er. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Herr Reichsminister. Meine Kontrolle hier ist lückenlos, wenn ich so sagen darf.
Eichmann, Rosenberg und die zwei SS-Wachen mit Ursula betraten den Eingang eines
grauen Steingebäudes, einige hundert Meter entfernt von dem Hof, auf dem sie vor kurzem zusammengetroffen waren. Über einen langen Flur gelangten sie zu einer Drehtür am hinteren Ende des Ganges. Es roch stark antiseptisch. Eichmann trat gegen die Tür, und sie befanden sich in einem kleinen Vorzimmer, dessen eine Wand an einen größeren Raum angrenzte. Hinter diesem lagen die Operationssäle. Eichmann befahl den beiden SS-Wachen, im Vorzimmer zu warten, während er selbst einen der Säle betrat, wo die Experimente an lebenden Menschen stattfanden.
Nach fünf Minuten kam er zurück, gefolgt von einem kleinen, dunklen, barhäuptigen Mann im Kittel. Der Mann war höchstens 40, aber sah schon wie ein Alter aus, gebeugt von den psychisch zerstörerischen Experimenten, die er Tag für Tag im Vernichtungslager Auschwitz durchzuführen hatte. Er war ein sogenannter Kapo.
Eichmann bedeutete Rosenberg, in den größeren Raum zu kommen.
– Darf ich vorstellen: Josef Steinbach!
Eichmann stand so, daß sich der Reichsminister den kleinen Mann ansehen konnte.
– Herrgott nochmal, Eichmann, was soll denn das? Der Kerl ist doch Jude!
Rosenberg war nahe daran, an die Decke zu gehen.
– Ganz richtig, und sogar ein waschechter, stimmte Eichmann zu, aber Sie wissen selbst, wie diese Kaposchweine arbeiten und lavieren. Die machen doch jede Sauerei, um ihre eigene Haut zu retten. Steinbach ist keine Ausnahme. Zudem ist er geschickt. Ich glaube, er paßt perfekt für diesen Auftrag. Eines schönen Tages werde ich ihn zur Hölle fahren lassen, wie er weiß, aber bis dahin versucht er unverdrossen, sein elendes Judenleben zu verlängern, nicht wahr, Steinbach?
Eichmann schlug den kleinen Mann mit seiner Hundepeitsche quer über das Gesicht.
– Nicht wahr, Judenschwein? brüllte Eichmann.
– Ja, Herr Obersturmbannführer.
Steinbach griff sich an die Stirn, aus der Blut floß.
– Sie können auf Steinbach vertrauen, Herr Reichsminister.
Rosenberg stand wie versteinert. Seine Wahlmöglichkeiten waren erschöpft. Er versuchte, seinen Zorn im Zaum zu halten. Ein Judendoktor sollte sein wichtigstes Problem lösen!
– Reichsführer Himmler schätzt ihre Arbeit, Eichmann. Hoffentlich habe ich Anlaß, das gleiche zu tun. Sie wissen, worum es mir geht. Lassen Sie es Steinbachs letzten Auftrag sein! Ich kann mir kein Risiko erlauben.
– Da muß ich erst Dr. Heilmann konsultieren, antwortete Eichmann. Dr. Heilmann arbeitet unter Dr. Mengele, fügte er schnell hinzu, damit Rosenberg das Problem besser verstand. Aber ich werde mit Dr. Heilmann sprechen, Herr Reichsminister. Wenn er Steinbach nicht mehr braucht, dann von mir aus gern.
Ohne sich zu rühren, stand Josef Steinbach vor den beiden Peinigern, die ihn erniedrigten. Seine großen braunen Augen, zur Hälfte bedeckt von den schweren Augenlidern, waren auf das Vorzimmer gerichtet, wo sein Opfer wartete. Was er nun auszuführen gezwungen war, ließ ihn verzweifeln und gab ihm das Gefühl, schon als Lebender vernichtet zu sein.
Ursula schaffte es kaum noch, sich aufrecht zu halten, geschweige denn sich fortzubewegen. Was sie hörte, verursachte ihr Brechreiz, und sie zitterte am ganzen Leib. Die Schmerzen im Unterleib waren kaum noch zu ertragen. Die zwei SS-Männer schleiften sie in den Operationssaal.
Eichmann befahl, sie nackt auszuziehen und in den Gynäkologenstuhl zu setzen, der am weitesten hinten im Saal stand.
Was Ursula dort zu Gesicht bekam, war widerwärtig. Neben dem Gynäkologenstuhl gab es cirka zehn Pritschen, auf denen nackte, schwangere Jüdinnen lagen, die offenbar bewußtlos waren. Starke Lampen leuchteten von der Decke herunter, und die Luft stank nach Äther. Alles war schmutzig und erbärmlich. Eichmann hatte allen, die im Operationssaal arbeiteten, und den beiden SS-Wachen befohlen, bis auf weiteres den Raum zu verlassen.
– Na, Steinbach, nun zeigen Sie mal dem Reichsminister, was Sie hier in Auschwitz gelernt haben!
– Ja, Herr Obersturmbannführer, antwortete der kleine Mann fast unhörbar, Eichmanns Hundepeitsche erwartend.
– Bringen Sie sie zum Singen! Schaffen Sie das nicht, Steinbach, wird sich Doktor Heilmann sowohl Sie als auch das Mägdelein vornehmen.
– Ich habe verstanden, Herr Obersturmbannführer.
Eichmann und Rosenberg hatten sich jeder an eine Seite des Gynäkologenstuhls gestellt, auf dem Ursula Worms nun völlig nackt lag. Josef Steinbach befand sich auf der gleichen Seite wie Rosenberg, als er sich über die schöne Frau beugte. Ihr Geschlechtsorgan war bereits stark mitgenommen.
– Ich werde Ihnen sehr wehtun. Am besten wäre es, wenn Sie kooperativ wären.
Der kleine Kapo sah mitfühlend in Ursulas blaue Augen, die um die Gnade baten, die es nicht gab.
– Ich weiß von nichts, flüsterte sie.
– Zack zack, Steinbach! schrie Eichmann gellend und schlug mit der Peitsche zu, die
diesmal jedoch nur die Stiefel traf. Dauert das zu lange, kriegen Sie eine Sonderbehandlung
von Dr. Heilmann!
Ursula suchte fortwährend Josef Steinbachs Augen, doch nun wich er ihrem Blick aus. Er hatte keine Möglichkeit, diese Frau zu retten, im besten Fall konnte er ihr Leiden verkürzen. Seine rechte Hand, die das Skalpell hielt, zitterte unmerklich, als er zu schneiden begann.
Ursula lebte noch eine Stunde. Schon nach fünfzehn Minuten ließ Eichmann Dr. Heilmann kommen, weil Steinbach zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in der Lage war, die Folgen seiner Tat anzusehen.
Martin Heilmann, der nach Dr. Mengele gefürchtetste Arzt in Auschwitz, hatte die Spezialbehandlung übernommen. Ursula schrie gellend, bis ihr die Stimme versagte, und als sie schließlich vor Schmerz und Erschöpfung ohnmächtig wurde, goß Heilmann eiskaltes Wasser über ihren Körper und setzte die Folter mit Elektroschocks an besonders empfindlichen Stellen fort. So kam sie wieder zu Bewußtsein und gelangte an jene absolute Leidensgrenze, die zu ertragen ein Mensch fähig ist. Aber Ursula verriet nur, was Rosenberg ihr schon in der Zeit anvertraut hatte, als sie seine Gefangene war. Sunderlands Namen nannte sie nicht. Die letzte Viertelstunde lag sie im Koma, und ihr Geheimnis nahm sie mit in den erlösenden Tod.
Den armen Kapo, Josef Steinbach, hatte Eichmann kurz und klein geschlagen und ihn schließlich den geübten Händen von Dr. Heilmann überlassen.
Das Schicksal dieses Mannes kümmerte Alfred Rosenberg nicht im Geringsten. Doch er verdammte die vom Satan selbst geschickte Hexe Ursula Worms. Mit dieser unfaßbar halsstarrigen Frau starb seine letzte Chance, die sechzehn Ölgemälde zurückzubekommen. Die Ölgemälde jener Kollektion, die eine der meistgesuchten und -gejagten der Welt werden würde, und die zudem seinen Namen tragen sollte: Die Rosenbergsche Gemäldesammlung!


